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2020
Rückblick

Abhandlungen der anderen Art, im Bregenzerwald.

Ein Rückblick auf das FAQ Bregenzerwald 2020

„Alle Dinge, die differenziert nicht abgehandelt werden, kommen später vulgär zurück,“, so die klugen Worte des viel zu früh verstorbenen österreichischen Dramatikers Werner Schwab. Auch im Bregenzerwald wird seit 2016 differenziert abgehandelt. Und zwar neu und anders.

Im Jahr der Lockdowns, der digitalen Kommunikation und des Nicht-Verreisen-Dürfens eine mehrtägige, analoge Veranstaltungsreihe im Bregenzerwald abzuhalten, ist – ja, wie kann man es beschreiben? Ist es mutig? Größenwahnsinnig? Ungewöhnlich? Anstrengend? Oder genau das, was die Welt brauchte?

Die Ansichten darüber mögen auseinandergehen. Aber die Erinnerungen derer, die Teil des diesjährigen FAQ Bregenzerwald, des „Forums mit Festivalcharakter und kulinarischem Anspruch“, waren, bewegen sich, so kann man zu behaupten wagen, nur im oberen Teil des Gefühlsspektrums.

Natürlich war Corona in diesem Jubiläumsjahr – das Forum fand zum fünften Mal statt – ein Thema, daran führte im Jahr 2020 kein Weg vorbei. Sowohl in der inhaltlichen Ausrichtung und natürlich vor allem auch in der Organisation und Planung. Dass das FAQ Bregenzerwald letztendlich fast wie gehabt stattfinden konnte, war unter anderem einem Sicherheitskonzept im Umfang einer Diplomarbeit, dem daraus resultierenden Mehraufwand – und der großen solidarischen Diszipliniertheit aller Beteiligten – zu verdanken. Aber auch dem Wetter, denn das war noch nie so gut wie in diesem Jahr. Nie schien die Sonne schöner. Fast so, als hätte sie, im Jahr der abgesagten Veranstaltungen, mit ihrem Strahlen gesagt: Ihr hattet schon recht, das alles durchzuziehen. „Wenn der Sommer schon zu Ende gehen muss, dann wenigstens so.“ sagte Journalist Armin Wolf nach seinem diesjährigen zweiten Einsatz im Bregenzerwald.

Bevor wir auf 2020 im Bregenzerwald eingehen, ein kleiner Blick von oben für all jene, die das FAQ Bregenzerwald noch nicht kennen: Man stelle sich eine Karte des Bregenzerwaldes vor, darin eingezeichnet seine Orte, von Egg über Andelsbuch und Bezau bis Mellau – eine „unglaublich prachtvolle Umgebung“, um wieder Armin Wolf zu zitieren, „wo das Ländliche urban ist und das Urbane ländlich“, wie Stefania Pitscheider Soraperra, ebenso diesjährige Teilnehmerin und Leiterin des einzigen Frauenmuseums Österreichs in Hittisau, so treffend gesagt hat.

Inmitten, am Rande und oberhalb der Orte: die Locations. Ein Heustadl, eine Halle aus Holz, eine alte Brücke. Eine Bergstation, eine Kapelle, ein Gasthaus als „Homebase“. In manche passen nicht mehr als 15 Leute, in andere einige hundert. Dazwischen Straßen und Wald, das Wälderbähnle und Berge, alte Bregenzerwälder Bauernhäuser und die moderne Architektur, für die die Region weltberühmt ist.

An sechs Tagen im Jahr, für gewöhnlich in der ersten Septemberwoche, wird der Bregenzerwald zum Schauplatz für verschiedenste Veranstaltungen: Diskussionen und Talkrunden, Lesungen und Kabaretts, Konzerte und kulinarische Events, Workshops und Rundgänge. Dann füllen sich die Orte, Locations und alles dazwischen mit Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen kommen und den Bregenzerwald in eine Art positiven Ausnahmezustand versetzen. So, als wäre die Luft leicht elektrisiert, als würde sie sogar fast ein bisschen glitzern. Dieser Zauber hängt sicherlich mit dem Hybrid-Charakter des Forums zusammen, mit dieser wilden Mischung aus Menschen, Formaten und Orten. Als radikal und disruptiv wird es beizeiten beschrieben. Als sinnlich, euphorisierend und anregend. Intellektuell ansprechend und doch ganz konkret.

Corona hin oder her: Dem FAQ wohnt ein Zauber inne. Und das schon seit vielen Jahren.

Kommen wir wieder zurück zum Jahr 2020. Zu 31 ausverkauften Veranstaltungen mit 69 Akteur:innen an 26 Orten. 2020 war auf den ersten Blick geprägt von Masken und Einbahnsystemen, von Abstandsregeln und coronabedingt nur halb gefüllten Hallen. Überall roch es, nicht unangenehm, nach Desinfektionsmittel mit Lavendel oder Bergamotte. Statt den sonst üblichen Menschentrauben, die sich vor oder nach Veranstaltungen naturgemäß bilden, gab es vereinzelt stehende Paare oder Dreiergruppen, die alles ein bisschen kleiner, aufgeräumter und exklusiver wirken ließen. Es war stiller, aber nicht weniger aufregend.

Da gab es einerseits Workshops. Sie drehten sich um Themen, die viele aufgrund der aktuellen Ereignisse rund um das Virus beschäftigten: Schlafen, Langeweile, Alleinsein, Kochen, Selbstreflexion. Es wurde Käse hergestellt, mit Aromaölen experimentiert, geschrieben und sogar geschrien – eine Übung aus dem Stimmtrainings-Workshop.

Die Workshops dockten stark an die Corona-Erfahrungen an, viele der anderen Veranstaltungen – Talks, Konzerte, Lesungen, Rundgänge – weniger. Das war den Organisator:innen wichtig. Es war ihnen ein offensichtliches Anliegen, nicht alles auf Covid-19 zu beziehen. Deshalb wurde in den Talks und Diskussionsrunden, wie die Jahre zuvor auch, „differenziert abgehandelt“ – um nochmal auf das Eingangszitat zurückzukommen.

Das mag sich nach Rollkragenpullovern und Rundbrillen, nach Doktortiteln und langen Abhandlungen anhören. Aber ist nicht alles eine Frage des Kontexts? Und eine Frage derjenigen, die diese Abhandlungen vornehmen? Das FAQ Bregenzerwald bringt Bauer und Philosophin, Verhaltensökonom und Köchin, Psychiaterin und Pop-Musiker zusammen, die in Kombination miteinander gar nicht anders können, als differenziert abzuhandeln, denn jede und jeder handelt aus eigener Perspektive und mit eigenem Erfahrungsschatz.

Christian Seiler hat es, als Moderator einer Diskussionsrunde zum Thema „Ich oder wir?“, auf den Punkt gebracht: Über die Frage, um die es in der nächsten Stunde gehen solle, könne man auch ein Jahr oder ein ganzes Leben nachdenken.

„Die Wahrheit kann man sich als Erdkern vorstellen: Wir können ihn zwar nicht erreichen, aber wir wissen, dass wir nach unten bohren müssen und nicht hinauf“, sagte Kabarettist Florian Scheuba im selben Talk. Es geht darum, irgendwo anzufangen und sich klug für eine Richtung zu entscheiden. Es geht nicht um das Finden von Antworten, sondern um das Ausdiskutieren von Fragen. „Die Antwort liegt nicht unbedingt in der tatsächlichen, ultimativen Antwort, sondern im Austausch und der Inspiration“, hat die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ geschrieben. Es geht um Annäherungen an eine mögliche Wahrheit.

Apropos Annäherung. Was das FAQ Bregenzerwald 2020 letzten Endes auch gezeigt hat, ist eine ganz einfache Wahrheit, die in diesem Jahr des „Social Distancing“ – „das vor allem ein ‚Physical Distancing‘ ist“, wie die dieses Jahr ausstellende Fotografin Pamela Russmann richtig bemerkt hat – besonders präsent war: Die Wichtigkeit, ja Überlebensnotwendigkeit, von analogen, echten Begegnungen, von Austausch und Auseinandersetzung, die, wie sonst auch so oft im Leben, erst in ihrer Abwesenheit deutlich wurde.

Das Digitale mag durchaus einiges kompensieren, aber das Gefühl, das nur der unmittelbare Austausch mit anderen, nur ein Live-Konzert oder ein Kabarett-Abend erzeugen kann – wo es, wie Hosea Ratschiller am letzten Abend mit „Ein neuer Mensch“ gezeigt hat, auch „differenziert vulgär“ zugehen kann – ist unersetzlich. Resonanz hat der Soziologe Hartmut Rosa diese Art der Weltbeziehungen genannt: Etwas in einem wird angenehm zum Schwingen gebracht. Und dieses lebendig gewordene Etwas wirkt dann auch wieder auf das Außen ein, und die Menschen, die sich darin befinden. Es sind diese Impulse, die das FAQ Bregenzerwald in Köpfe und Herzen setzt und die nachhallen und weiterschwingen. Beim privaten Gespräch abends an der Bar, auf dem Weg nachhause oder irgendwann anders. Sie sind wie kleine Samenkörner, die fast unmerklich gesetzt werden und dann oft erst in einem ganz anderen Kontext zu sprießen beginnen – oder manchmal auch wie große Erkenntnisse, die alle Gedanken fortan einen anderen Weg gehen lassen. Das FAQ Bregenzerwald schlägt Wellen. Vielleicht ist es auch ein wenig das, was mit dem Slogan „Potentiale für eine gute Zeit“ gemeint ist.

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