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Wer kann’s?
- das FAQ 2023 im Rückblick

Zum achten Mal ging das FAQ Bregenzerwald diesen September über die Bühnen – 12 waren es, um genau zu sein, und zwar an wunderbaren Orten. 65 Akteur:innen präsentierten an vier strahlend sonnigen Tagen zehn Talks, sieben Konzerte, drei Workshops, eine dreitägige Kunstausstellung, kulinarische Angebote aus acht verschiedenen Küchen, eine Lesung, einen Rundgang sowie eine Filmvorführung. Als Leitfrage galt dieses Mal „Wer kann’s?“.

Und die Frage bezieht sich, wie immer beim FAQ, auf die großen Fragen unserer Zeit. Deshalb sind Formate wie das FAQ so wichtig. Denn die großen Fragen, die Herausforderungen der Gegenwart, lösen sich weder von selbst noch werden sie kleiner. Wir dürfen nicht, wie kleine Kinder, die Augen schließen und Ohren zuhalten, wenn wir etwas nicht wahrhaben wollen. Wir müssen uns konfrontieren, nach Antworten und Lösungsansätzen suchen. Und diese Konfrontation kann unterschiedlich aussehen. Sie an schönen Orten wie jenen des Bregenzerwalds auszutragen, sie zu kombinieren mit Konzerten, Lesungen, Kunst und gutem Essen, ist eine ziemlich gute Idee. Denn: Das Schwere braucht als Gegenpart das Leichte, das Schreckliche braucht das Schöne. Wenn man sich Problemen stellt, muss man sich dazwischen auch Kraft holen.

Wir sollten die Leute zwingen, sich Fragen zu stellen.“

Helga Rabl-Stadler

Leider ist das Verhältnis von Fragen und Antworten nur in simplen Fällen 1:1. Komplexe Fragen ziehen viele Antworten, Gegenfragen und weitere Fragen nach sich. Und sie sind immer kontextabhängig. Die Antwort ist abhängig von der Person, die sie gibt, von der Zeit, in der sie lebt und vom Raum oder der Umgebung, in der sie gestellt wird. Wer kann’s also? Die Jungen? Die Alten? Die Spezialist:innen? Die Generalist:innen? Die Aktivist:innen? Die Journalist:innen? Die Politiker:innen? Die Wissenschaftler:innen? Alle miteinander? Und wer kann was?

Die Schwierigkeit unserer Zeit ist, dass wahnsinnig viel gleichzeitig passiert.“

Thea Dorn

Nicht nur beim Eröffnungstalk auf der Bergstation Baumgarten ist der Himmel strahlend blau. Alle vier Festivaltage stehen 2023 unter den besten Wetter-Sternen. Selbst nach Sonnenuntergang kann man hier, auf über 1.800 Höhenmetern, im T-Shirt herumlaufen. Der Herbst fühlt sich wie Sommer an, vor wenigen Jahren brauchte man am Eröffnungsabend Jacke und Mütze. Während Hongkong überschwemmt wird, sitzen an diesem Eröffnungstag des FAQ (nach wunderbaren Konzerten von Alicia Edelweiss und Fanny Sorgo!) neben der Autorin und Philosophin Thea Dorn die Schauspielerin und Aktivistin Luisa-Céline Gaffron und die Gastronomin Parvin Razavi auf dem Podium und werden von Christian Seiler zur diesjährigen großen Frage „Wer kann’s?“ befragt. Und ja, im weitesten Sinn betrifft sie auch die Überschwemmung in Hongkong. Wer kann Extremwetterereignissen wie diesem konstruktiv begegnen? Wer kann etwas dagegen tun, und was? Nein, es geht nicht „nur“ um den Klimawandel. Sondern, wie immer beim FAQ, um alles in der Welt, das angegangen werden muss. Von besserer Kommunikation über digitale Transformation bis zu Ernährung. Von Künstlicher Intelligenz über Glücklichsein bis zum rechtzeitigen Aufhören. Themen, die von allen möglichen Seiten und unterschiedlichen Menschen bearbeitet werden müssen.

Jeder Mensch sollte nach seinem größten Hebel suchen.“
Luisa-Céline Gaffron
Ich glaube nicht, dass Panik ein guter Ratgeber ist. Ich bin eine große Anhängerin des Nerven-Behaltens.“
Thea Dorn zum Thema Klimawandel

Transformation ist ein Teamsport.“

Martin Radjaby

Die FAQ-Tage versetzen den Bregenzerwald in einen positiven Ausnahmezustand. Die einen gehen zum Trailrunning, die anderen sticken Selbstportraits, die dritten setzen sich mit Künstlicher Intelligenz auseinander. Tonio Schachinger liest in einem Stadel aus seinem jüngsten Werk „Echtzeitalter“, mit dem er kürzlich tatsächlich den Deutschen Buchpreis gewonnen hat (wir gratulieren nochmal herzlichst an dieser Stelle!),  und sorgt für Lachen und Schmunzeln. Die Freitagabend-Veranstaltung im wunderbaren Angelika Kauffmann Saal dreht sich um die Macht der Sprache, der ehemalige ZDF-heute journal-Anchorman Claus Kleber moderiert den Talk mit Martin Radjaby, dem wohl kreativsten Werber des Landes, und Autorin Thea Dorn. Es geht keineswegs nur um das Thema Gendern, sondern auch und vor allem um die Kraft der Worte und das Potenzial von Sprache als verbindendem Element in einer Gesellschaft. Und im Anschluss, nach diversen kulinarischen Feinheiten unter freiem Himmel inmitten von Schwarzenberg, spielt Martin Grubinger, der Weltklasse-Percussionist, sein vorletztes Konzert vor dem selbstgewählten Aufhören im zarten Alter von 40 Jahren – es ist mit drei Schlagzeugern, zwei Pianistinnen und 4,5 Tonnen Instrumenten die größte musikalische Produktion in der Geschichte des FAQ. Und derartig überwältigend, dass einem die Worte fehlen.

Es ist wichtig proaktiv zu formulieren, anstatt nur zu reagieren.“
Martin Radjaby
Sprache kann spalten, sie kann uns aber auch wieder zusammenbringen.“
Claus Kleber
Wir sind verdammt dazu, die Komplexität der Welt mit Komplexität zu beantworten.“
Thea Dorn
Reden allein ist zu wenig, man muss auch etwas tun.“
Christian Konrad
Aktivismus ist der Arschtritt für die Politik.“
Vassili Golod

Ich habe mich in den letzten 20 Jahren auf kein Gespräch so gefreut wie auf dieses hier.“

Armin Wolf

Alle stattgefundenen Veranstaltungen aufzuzählen, ist nicht Sinn und Zweck dieses Rückblicks. Es gibt hochkarätige Talks, zum Beispiel befragt Alexandra Föderl Schmid die 1927 (!) geborene Journalistin Hella Pick, wie sie Kennedy kennengelernt hat und wie es damals war, als Frau und Journalistin. „Es ist wichtig, dass Frauen die Welt weiterführen“, sagt Hella Pick am Ende. Die größte Veranstaltung ist jedenfalls der von Armin Wolf moderierte Talk mit Martin Grubinger und der ehemaligen Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler. Es geht ums rechtzeitige Aufhören, um Väter – und um die Kunst und die Kraft, die sie in einer Gesellschaft entfalten kann. Es sind, trotz des großen Rahmens, sehr persönliche Einblicke, die die beiden geben, und mit Leichtigkeit folgt man dem Gespräch fast zwei Stunden lang, die so schnell vergehen wie der Sommer und so viele Impulse setzen, die noch tage-, oder wochenlang – oder gar bis jetzt – nachwirken.

Ich glaube an die Kraft der Kunst als Ohren-, Augen- und Seelenöffner. Mir sind Politiker suspekt, die keine Kunst mögen.“
Helga Rabl-Stadler
Wir Künstler sollten uns nicht abkapseln von Politik und Gesellschaft und Geschichte, wir sind Teil davon.“
Martin Grubinger
Ich glaube, dass wir mehr denn je Kunst brauchen, um Fragen zu stellen.“
Helga Rabl-Stadler
Es kann dem einen oder anderen nicht schaden, sich mit Menschen zu umgeben, die auch mal sagen: Das war jetzt nicht so gut.“
Martin Grubinger

Das Glück ist eine Schaukel: Du brauchst die Momente, wo du unten bist, um die Momente oben genießen zu können.“

Johannes Moser

Was es zum Glück braucht, will Christian Seiler dann noch am Sonntag an der Location mit der wohl besten Aussicht wissen – auf der Wiese vor der Kapelle Niedere. Folgende Zitate fassen das dann auch ganz gut zusammen:

Begegnungen mit Menschen sind für mich das schönste. Ich halte es für großes Glück den Austausch zu pflegen.“
Thomas Hitzlsperger
Wir versuchen, im Jetzt zu leben. Kinder leben immer im Jetzt, egal ob behindert oder nicht.“
Maria Bauer-Debois
Unsere Welt steht vor großen Herausforderungen, und wir sind sehr privilegiert. Mit Privileg kommt auch Pflicht.“
Johannes Moser
Heute kommen noch Leute zu mir, um sich bei mir zu bedanken, dass ich mich geoutet habe.“
Thomas Hitzlsperger
Für uns steht die Behinderung nicht im Vordergrund. Für uns stehen die Kinder im Vordergrund.“
Maria Bauer-Debois

Mit einem Konzert des wunderbaren Oskar Haag endete der Sonntagnachmittag, in der grünen Wiese liegend, in glücklicher und dankbarer Andächtigkeit. Wenn die Frage „Wer kann’s?“ auch nicht letztgültig beantwortet werden konnte, verband die Besucher:innen nach vier Tagen FAQ zumindest das Gefühl, nicht alleine auf dem Weg zu sein – und die Gewissheit, dass wir in Gemeinschaft mehr schaffen, als wir in so mancher stiller Stunde alleine denken.

Akteur:Innen 2023