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Judith Pühringer
Was ist Arbeit?

Einen großen Teil unserer Zeit verbringen wir mit Arbeit. Oder, wie Judith Pühringer, Geschäftsführerin von arbeit plus, einem unabhängigen Netzwerk von 200 sozialen Unternehmen in Österreich, sagen würde: Erwerbsarbeit. Warum diese so einen hohen Stellenwert in unserem Leben hat, was ihr Fehlen für einen Menschen bedeutet und warum Topmanager oft eigentlich Minderleister sind, erklärt sie im Interview.

Das Thema Arbeit bzw. Arbeitslosigkeit ist im öffentlichen Diskurs beinahe omnipräsent, vermutlich auch, weil diese Themen in viele andere Bereiche hineinspielen. Berühren sie einfach Kernfragen unserer Zeit?

Arbeit ist kein abstrakter Politikbegriff, sondern hat direkt mit unserem Leben zu tun. Wie wir Arbeit gestalten, darüber nachdenken, sie organisieren und verteilen beeinflusst unser Zusammenleben unglaublich. Unsere Arbeit bestimmt unseren Fokus, über den wir fast alles definieren. Wenn man jemanden kennenlernt, fragt man ihn: Was machst du? Dabei meint man immer Erwerbsarbeit und geht davon aus, dass jeder einer Erwerbsarbeit nachgeht.

Unsere Arbeit bestimmt unseren Fokus, über den wir fast alles definieren.

Wenn wir über Arbeit fast alles definieren – was bedeutet es für einen Menschen, wenn er über einen längeren Zeitraum keinen Beruf findet?

Langzeitarbeitslosigkeit ist eine Katastrophe auf menschlicher und gesellschaftlicher Ebene. Neben der finanziellen Existenzgrundlage geht es dabei auch um den Verlust der Tagesstruktur und vor allem der gesellschaftlichen Teilhabe. Man verliert seine Netzwerke und Anerkennung. Dennoch gibt es immer noch das Bild von „den faulen Arbeitslosen“, die es sich in der sozialen Hängematte gemütlich machen. Dabei ist Arbeitslosigkeit ein extrem stressauslösender Zustand. Menschen wollen beschäftigt sein und einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen.

Arbeitslosigkeit ist nicht nur für die direkt Betroffenen eine belastende Situation. Wie kann man als FreundIn, EhepartnerIn etc. mit solchen Situationen umgehen?

Es ist wichtig zu verstehen, dass Arbeitslosigkeit ein Thema ist, das sehr viel mit Scham zu tun hat. Daher glaube ich, dass es gut ist das Thema offensiv anzusprechen und es nicht totzuschweigen, denn das vergrößert die Scham. In den allermeisten Fällen hat Arbeitslosigkeit ja nichts mit persönlichem Versagen, sondern mit strukturellen Problemen des Arbeitsmarktes zu tun. Auch das sollte man versuchen Menschen klar zu machen.

Hat Arbeit in unserer viel zitierten Leistungsgesellschaft einen zu hohen Stellenwert?

Ich denke, es geht darum, Arbeit in allen Dimensionen zu sehen und nicht nur die Facette der Erwerbsarbeit. Auch Sorgearbeit, Freiwilligenarbeit oder Arbeit an sich selbst, also für sich selbst und andere zu sorgen, sich zu engagieren oder sich weiter zu bilden, ist „arbeiten“. Aus dieser Perspektive ist ein Manager, der sich mit seiner 80h-Woche rühmt – und da wären wir beim Thema Leistungsgesellschaft – plötzlich in drei Bereichen ein Minderleister. Es geht darum, dass wir das Bild von Arbeit radikal verändern. Wir müssen uns bewusst machen, dass Erwerbsarbeit nicht alles ist. Von dieser Sichtweise sind wir aber leider noch weit entfernt.

Beschäftigt sich die Generation, die jetzt und in den letzten Jahren auf den Arbeitsmarkt drängt, verstärkt mit solchen Gedanken?

Total. Das ist eine Generation, die zum Teil bei ihren Eltern noch gesehen hat, wie diese der Erwerbsarbeit alles untergeordnet haben. Ich glaube, dass die Mitglieder dieser Generation mit einem guten Gespür an die Sache herangehen, allerdings muss man aufpassen, dass sie nicht in prekären Arbeitssituationen landen. Wichtig wird sein, dass wir unsere sozialen Sicherungssysteme an die Arbeitsrealitäten dieser Generation anpassen. Mit der Digitalisierung, die uns bevorsteht, haben wir eine historische Chance im Hinblick auf Arbeitszeitverkürzung. In diesem Zusammenhang gilt es aber natürlich auch zu überlegen: Wer sichert dann unsere Existenz, so wie wir sie derzeit kennen?

Ein Thema, das man in diesem Zusammenhang mittlerweile nicht unerwähnt lassen kann, ist das bedingungslose Grundeinkommen.

Das stimmt. Vor 15 Jahren war es eine kleine Gruppe, die über dieses Thema gesprochen hat. Wenn man heute über Arbeit spricht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es auftaucht. Ich habe großen Respekt vor dieser Diskussion und finde es wichtig, dass solche Frage thematisiert werden. Es gibt sehr interessante Gedanken von großartigen Menschen dazu. Ich persönlich zweifle aber daran, dass ein Grundeinkommen die große Lösung für die strukturellen Probleme des Arbeitsmarkts ist. Beispielsweise wird das Thema der Arbeitsverteilung damit nicht beantwortet: Wer macht dann die Arbeit, die gesellschaftlich notwendig ist? Wie sichern wir, dass es neben dem Grundeinkommen Zugang zu sozialen Dienstleistungen wie Beratungsstellen aller Art - im Bereich Wohnen, Schulden, Behinderung, Arbeitsmarkt - gibt? Wie finden Menschen, die arbeiten wollen, aber es nicht zu den Bedingungen des Arbeitsmarkts können, einen Einstieg ins Erwerbsleben? Die Gefahr besteht, dass es dann heißt: Ihr bekommt ohnehin ein Grundeinkommen, der Rest ist eure eigene Verantwortung.

Ich persönlich zweifle aber daran, dass ein Grundeinkommen die große Lösung für die strukturellen Probleme des Arbeitsmarkts ist.

Themen wie beispielsweise Arbeitslosigkeit sind in der Gesellschaft präsent und vielen Menschen ist durchaus bewusst, dass hier einiges schiefläuft. Aber man hat das Gefühl, als Einzelperson an solchen „Systemen“ nicht viel ändern zu können. Täuscht das?

Okay, das ist vielleicht die größte aller Fragen. Das eine ist, dass man einfach wachsam ist, die Dinge nicht nur hinnimmt, sondern Zusammenhänge kritisch hinterfragt. Darüber hinaus wird gerade im Zusammenhang mit Arbeitslosen und Menschen mit Armutserfahrung oft von „sozial schwachen Menschen“ gesprochen – diese Menschen sind nicht schwach: Sie engagieren sich oft in sehr vielen Bereichen, sie sind tätig und beschäftigt. Man sollte dem Bild von Arbeitslosen, die es sich, wie schon oben erwähnt, in der sozialen Hängematte gemütlich machen, entschieden widersprechen. Das klingt nach einem kleinen Beitrag, aber der kann eine große Wirkung entfalten.

Text: Matthias Köb // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

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