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Robert Pfaller
Wie sollen wir reden?

Der Philosoph Robert Pfaller im Gespräch über die verlorengegangene Genussfähigkeit, Pseudo-Politik, Neidkultur und wütende Wähler. Sein Rezept für bessere Zeiten? Erwachsenensprache. Unter anderem.

Das FAQ Bregenzerwald ist auf der Suche nach Potentialen für eine gute Zeit. Was ist für Sie eine gute Zeit?

Ich finde, man sollte nicht darüber nachdenken, was man nicht noch alles machen könnte, damit es besser wird. Wir sollten eher skeptisch darüber nachdenken, wie wir uns im letzten Jahrzehnt das Leben vermiest haben. Mir kommt vor, dass man heute zu schnell hastige Vernunftargumente gegen fast alles findet, was den meisten Leuten vor 20 oder 30 Jahren das Leben lustvoll gemacht hat – Fleisch, Alkohol, Autofahren, Stöckelschuhe tragen, Flirten. All das hat man in den 70er- und 80er-Jahren durchaus geschätzt und man hat gewusst, es ist zwar nicht alles gesund, aber man hat es in bestimmten Situationen zelebrieren können. Wir sollten vielleicht nicht so panisch vernünftig sein, sondern versuchen, auf vernünftige Weise vernünftig zu sein – und dann kann man sich ja auch ab und zu eine kleine Ausgelassenheit erlauben.

Wenn man nach Potentialen für eine gute Zeit sucht, muss man sich auch nach konkreten Lösungsansätzen für die Schwierigkeiten unserer Zeit umsehen.  Was sehen Sie als die dringlichsten Probleme unserer Zeit an? Und was sind hingegen Pseudo-Probleme?

Seit dem Paradigmenwechsel in den 1980er Jahren, der zum Neoliberalismus geführt hat, hat die Linke nur noch kulturelle Zeichen gesetzt. Sie setzt sich zum Beispiel für die Rechte der Homosexuellen und Queers ein, was ja ganz in Ordnung ist. Aber es wird in dem Moment infam und verlogen, wenn man die großen ökonomischen Probleme nicht löst – und zwar selbst jene der Gruppen, für die man sich einsetzt. Die großen Lebensprobleme der meisten Queers sind meines Wissens nach ökonomischer Natur. Sie können keine Jobs finden, können sich Operationen nicht leisten usw. Denen hilft es wenig, wenn man jetzt ab und zu ein Sternchen macht – und das kennzeichnet für mich eine Pseudopolitik. Selbst richtige Anliegen werden dann falsch, wenn sie zu Vertretern für andere, nicht erledigte Anliegen werden.

Selbst richtige Anliegen werden dann falsch, wenn sie zu Vertretern für andere, nicht erledigte Anliegen werden.

Ist die Erwachsenensprache, die Sie fordern, auch so ein Potential für ein gutes Leben?

Durchaus. Erwachsenensprache bedeutet für mich, dass man sich in der Voraussetzung begegnet, dass man selber und der andere erwachsen ist, d.h. man behelligt den anderen nicht mit seinen Wehwehchen oder Empfindlichkeiten, man behält bestimmte private oder intime Dinge im Hintergrund und darf auch vom anderen erwarten, dass er weiß, dass er kleine Unannehmlichkeiten überleben kann. Selbst wenn man mal ein böses Wort hört, ist man nicht sofort traumatisiert. Mir hat gut gefallen, dass in Europa Erwachsenheit im Sprachgebrauch noch so etwas wie eine Tugend ist, während das Wort ‚adult’ in Amerika und England meistens auf Pornografie oder etwas Unanständiges verweist. Ich glaube, Erwachsenheit ist einerseits sowas wie ein ethisches Ideal. Es tut den Leuten gut, wenn sie sich klarmachen, dass sie erwachsen sind. Und es ist gut im Umgang mit anderen, weil sie dem anderen nicht ständig alles neiden. Auf der anderen Seite ist es ein politisches Ideal, das hilft, sich vor Pseudopolitiken zu schützen und klare Prioritäten zu setzen: Wenn ich bestimmte Musik in bestimmten Bars nicht mag, dann gehe ich nicht dorthin und dafür brauche ich keinen Staat, der verbietet, dass dort diese Musik gespielt wird. Aber andere Sachen, wie die Regelung der Finanzmärkte, kann ich selber nicht beeinflussen, und da gehört eine staatliche Macht her. Erwachsenheit ist gut dazu, sich über kleine Dinge nicht zu sehr aufzuregen, denn die hat man selber im Griff. Hingegen kann man vom Staat durchaus fordern, dass er sich um die wichtigen Dinge kümmert.

Was bedeutet die Idee der Erwachsenensprache für den Kulturbereich?

Ich halte es für einen Fehler, darüber nachzudenken, ob man in Kunst und Kultur eine Abwägung machen muss zwischen Meinungsfreiheit und Empfindlichkeiten. Es gab vor kurzem in Kanada einen Fall von einem Theaterstück, in dem Indianer vorkommen. Diese Rollen wurden aber nicht von indigenen Schauspielern gespielt. Dann haben Aktivisten gefordert, dass nur Indigene Indianer spielen sollen dürfen. Das ist symptomatisch dafür, dass immer zu geringe Forderungen erhoben werden. Denn wenn man schon sagt, dass die indigenen Schauspieler vernachlässigt oder diskriminiert werden, dann sollte die Forderung sein, dass sie alle Rollen spielen sollen dürfen, so wie auch alle anderen das Recht auf alle Rollen haben. Es heißt ja nicht, dass jemand, der ein Indianer ist, einen Indianer besser spielen kann. Diese Forderungslogik beobachte ich im Moment nicht nur in vielen kulturellen Feldern, sondern auch in der Wissenschaft und Kulturanthropologie. Es ist eine gängige Forderung, dass ein Kulturanthropologe von einer bestimmten Gruppe abstammen muss, um über sie schreiben zu dürfen. Dabei ist der Grundsatz der Anthropologie, dass der Blick eines Fremden von Vorteil ist.

Bleiben wir noch beim Thema Kunst und Kultur: Da gab es auch den Fall der Malerin Dana Schutz, die ein Bild von einem toten schwarzen Jugendlichen gemalt hat.

Ja, das war 2016. Da hat Dana Schutz das Bild "Open Casket" ausgestellt, ein Bild auf Basis eines Zeitungsfotos aus den 1950er Jahren. Es zeigt den offenen Sarg eines schwarzen Jugendlichen, der nach einem falschen Vorwurf sexueller Belästigung von zwei weißen Männern totgeschlagen wurde. Die Mutter hat daraufhin beschlossen, dieses Foto öffentlich zu machen. Und Dana Schutz hat dieses Foto wiederentdeckt und ein sehr gutes Bild daraus gemalt. Daraufhin hat sich ein schwarzer Künstler vor das Bild gestellt und ihr vorgeworfen, das sei kulturelle Aneignung, und nur ein Schwarzer dürfe über das Leid anderer Schwarzer berichten. Aber eigentlich ist es gut für die Agenda der Schwarzen, dass eine gute Malerin so etwas in ein Museum bringt, weil das eine Diskussion hervorruft und möglicherweise zu jenem Konsens beiträgt, der für die Emanzipation der Schwarzen förderlich ist. Wenn nur Betroffene, die keiner kennt, das machen, dann erfährt niemand von diesem Fall. Leid ist keine kulturelle Leistung, auf die man ein Copyright erwerben kann.

Gibt es eine Frage, die Ihnen derzeit besonders häufig gestellt wird?

Ja, und zwar: Wie ist es möglich, dass wütende, verarmende Menschen einen reichen Politiker wählen, der dafür sorgt, dass sie noch weiter verarmen? Dazu gibt es zwei Erklärungsansätze: Erstens glaube ich, das liegt daran, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft gewachsen ist, weil die linken Parteien keine linke ökonomische Politik mehr gemacht haben und die Arbeiter nichts mehr von ihnen hatten. Das hat dazu geführt, dass diese Gruppen einen Zorn auf die Kulturlinke entwickelt haben, und dann ist ihnen jemand sympathisch erschienen, der signalisiert hat, dass er auf all diese pseudolinken Toleranzprogramme pfeift. Eine zweite Erklärung ist, dass man sich klarmachen muss, dass Leute mit Wut anders wählen als Leute mit Hoffnung. Wenn Leute enttäuscht und frustriert sind und das Gefühl haben, dass sie sich morgen weder Haus noch Auto leisten können werden und dass ihre Kinder nichts Besseres werden als sie selber, dann wählen sie nicht jemanden, der ihren eigenen Idealen entspricht, sondern ein Monster, das wenigstens die anderen noch mehr erschreckt als sie selber. Es ist ein wichtiger Punkt, dass man versteht, dass diese Leute nicht fanatisch an jemandem festhalten, sondern aus Verzweiflung agieren. Darin liegt aber auch eine Chance, denn wenn man ihnen ein besseres Angebot machen kann, dann wählen sie nächstes Mal vielleicht auch wieder jemanden anderen - so, wie sie beim letzten Mal Obama gewählt haben.

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

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