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Norbert Bischofberger
Wann wird Krebs heilbar sein?

Norbert Bischofberger ist eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Biochemie. Der Vorarlberger leitet in den USA eines der größten Biotech-Unternehmen der Welt und ist der Erfinder von Tamiflu, dem Arzneimittel gegen Vogelgrippe. Im Interview spricht er über seinen Zugang zur Wissenschaft, die Bedeutung von Intuition und seine Prognosen hinsichtlich Krankheiten, die heute als unheilbar gelten.

Sie haben sich schon als Kind für Chemie interessiert. Woher kommt die Faszination?

Keine Ahnung – ich hatte damals weder einen entsprechenden Lehrer noch hat mein Vater mich die Chemie gelehrt. Mich fasziniert, dass die Chemie einfach eine Wissenschaft ist. Und die Experimente haben mir immer gefallen, alles, was mit Schall, Rauch und Feuer einhergeht. 

Glauben Sie an Dinge, die jenseits des Messbaren liegen, also an Metaphysik?

Nein, ich glaube nicht an die Metaphysik. Ich glaube an alles, was sich wissenschaftlich messen lässt.

Ich glaube an alles, was sich wissenschaftlich messen lässt.

Und welche Rolle spielt Intuition in der Wissenschaft?

Eine wichtige Rolle. Kreativität und Intuition sind absolut notwendig, um Entdeckungen zu machen. Das gilt vor allem in der Phase der Forschung, denn die Entwicklung selber ist dann sehr methodisch und lässt keinen großen Raum für Kreativität.

Hat alles seinen Plan oder gibt es nur Zufälle?

Weder noch. Statistisch gesehen gibt es Zufälle, aber auch die haben eine analysierbare Wahrscheinlichkeit. Und nein, an einen großen Plan glaube ich nicht.

Sie entwickeln Medikamente gegen Viren. Wie sehen Sie Viren?

Viren sind an der Grenze zwischen Leben und Nicht-Leben. Viren in Isolation sind keine Lebewesen – sie brauchen die Maschinerie der Zelle, um sich zu vermehren. Heutzutage wissen wir so viel über Viren: Wir kennen ihre Eigenschaften, wissen, wie sie sich vermehren, wie die genetische Organisation aussieht usw. Vor 20, 30 Jahren war das alles noch ganz anders.

Werden Viren immer raffinierter?

Nein, das ist nicht der Fall. Das Problem mit Viren ist, dass die meisten irgendwann einmal gegen Arzneimittel resistent werden, das hat aber nichts mit Intelligenz zu tun. Das hat einfach damit zu tun, dass Viren im genetischen Material Mutationen haben und manche dieser Mutationen den Virus resistent gegen das entsprechende Medikament machen. Das ist auch bei Bakterien ein Problem – manche von ihnen sind resistent gegen alle antibakteriellen Mittel. Deswegen dürfen wir nie aufhören mit der Forschung.

Was hat sich in der Forschung in den letzten Jahrzehnten verändert?

Es ist faszinierend, Krankheiten wie Krebs zu bearbeiten. Vor 20 Jahren wussten wir noch so wenig darüber. Heute wissen wir fast alles. Wir wissen, was passiert, wenn eine normale Zelle zur Krebszelle wird. Bestimmte Krebsarten wie Leukämie und Lymphome, an denen die Menschen früher gestorben sind, sind heute heilbar. In der Krebsforschung gibt es auch heute noch komplizierte Tumore, aber ich glaube, dass Krebs innerhalb der nächsten 10, 15 Jahre heilbar sein wird.

Ich glaube, dass Krebs innerhalb der nächsten 10, 15 Jahre heilbar sein wird.

Sie arbeiten in den USA. Was ist dort anders als in Europa?

In Kalifornien, und allgemein an der Westküste, herrscht ein tief verwurzelter Optimismus. Es gibt auch kein hierarchisches System. Während es in Europa Herr Professor und Herr Doktor heißt und die meisten Kollegen zur Arbeit Krawatte und Anzug tragen, heißt es in Amerika Jack, John und Daniel und alle tragen T-Shirt und Jeans.

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

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