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Sigmund Steiner
Ein Bauernsohn und Filmemacher

„Holz Erde Fleisch“ ist Sigmund Steiners beeindruckendes Dokumentarfilmdebut. Ein stilles, unaufgeregtes, ausdrucksstarkes Portrait von drei österreichischen Bauern, das auch die eigene Vater-Sohn-Geschichte behandelt.

Sigmund Steiner ist nicht da. Seine Freundin sitzt an der Bar im Gasthof Jöslar in Andelsbuch, das nach dem 4 Gänge-Menü von Milena Broger und Christoph Fink zum Kino wurde. Allein ist sie nicht, eine Freundin sitzt neben ihr. Hin und wieder, während der einen oder anderen Szene, flüstern sie sich etwas zu. „Holz Erde Fleisch“ heißt der Film. Er ist Sigmund Steiners Langfilm-Debut, ein essayistischer Dokumentarfilm, der drei Bauern – der eine ist Holzbauer, der andere baut Gemüse an und der dritte züchtet Schafe – portraitiert. Die Frage der Übernahme steht dabei im Vordergrund: Warum haben die drei damals übernommen? Werden sie ihrerseits an ihre Kinder weitergeben? Und wieso stellt man Besitz über persönliches Glück? Was im ersten Moment wie ein Nischenfilm für alle an Landwirtschaft Interessierten klingt, entpuppt sich nach ein paar Minuten als Werk, das die großen Themen anspricht – Vaterliebe, Ernährung, Nachhaltigkeit. Ein Film für alle, die Kinder haben und für alle, die Eltern haben, sagte Sigmund mal in einem Interview. Es ist ein persönlicher Film, nicht nur, weil er ganz nah an die Portraitierten herantritt und ihre Konflikte, Gedanken, Wunden und Geschichten in Bild und Ton packt. Er ist auch eine Auseinandersetzung des Regisseurs mit der eigenen Vater-Sohn-Geschichte, die in jeder Szene mitschwebt. „Mein Vater kommt nicht vor in dem Film, aber man kann ihn sich aus den drei Protagonisten zusammenbauen“, sagt Sigmund, selber ein Bauernsohn, für den eine Übernahme des Familienhofs nie in Frage kam.

Mein Vater kommt nicht vor in dem Film, aber man kann ihn sich aus den drei Protagonisten zusammenbauen.

Dass er eines Tages Film machen würde, wusste Sigmund schon relativ früh: „Mir hat immer getaugt, dass man im Film so viele Kunstformen verwenden kann – Bild, Ton, Musik, Schnitt.“ Auf der Filmakademie lernt er das nötige Handwerk. Sein Lehrer, der international anerkannte Regisseur Michael Haneke, lehrt ihn das Zuhören, Beobachten und Wahrnehmen. Eigenschaften, die Sigmund nicht fremd sind: „Als ich ein Kind war, haben meine Eltern relativ viel gestritten. Und so habe ich früh gelernt, Stimmungsschwankungen anhand von kleinen Gesten oder Reaktionen vorzuahnen,“ erzählt Sigmund. „Und so blöd es klingt – jetzt hilft es mir, weil ich eher merke, was echt ist und was nicht“. Ein Beispiel dafür, dass sich eine schwierige Situation kreativ umwandeln lässt, im Sinne von „Turning trauma into art“. Mit dem Preis, dass sich das ständige Beobachten und Zuhören nicht einfach abschalten lässt – „im Kaffeehaus fällt es mir schwer, die Gespräche am Nebentisch auszublenden“, so Sigmund.

Sieben Jahre lang sollte er an seinem Film arbeiten. Dass er ihn mal der Öffentlichkeit in einem Rahmen wie dem FAQ Bregenzerwald präsentieren sollte, war keineswegs klar. Die Angst zu scheitern war sein ständiger Begleiter, verkleidet in Gedanken wie „Da kommen sicher Reaktionen wie ‚Das ist pathetischer Scheiß’, ‚Der präsentiert sich da selber’ oder ‚Das hat’s doch schon gegeben’“. Auch Selbstzweifel à la „Wird das was G’scheites?“ und „Sollte das was G’scheites werden, was kommt dann als Nächstes?“ quälten Sigmund. Sich im Kreis drehende Gedanken, die auch beim Drehbuchschreiben wüteten – „weil ich schon nach einem Satz fünf Reaktionen durchdenke. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum manche so ein bisschen angeschickert schreiben – das bremst das Über-Ich ein,“ sagt er und meint damit jene Instanz in der Psyche des Menschen, die laut Namensvetter Sigmund Freud dafür verantwortlich ist, dass man sich angepasst verhält und den gesellschaftlichen Normen und Erwartungen gemäß handelt.

Wird das was G’scheites?

Dass „Holz Erde Fleisch“ was G’scheites geworden ist, zeigt nicht nur die Auszeichnung auf der Diagonale Graz als bester Dokumentarfilm. Es beweisen auch die Reaktionen derer, die den Film gesehen haben. Die Echtzeit-Reaktionen bei der Vorführung im Jöslar hat Sigmund nicht mitbekommen – er war ja fast nie im Raum. Aber danach. Da stand er dann auch auf der Bühne, zur Nachbesprechung und zum Beantworten der Fragen des Publikums, das teilweise gerührt war, teilweise verstört – jedenfalls alles andere als indifferent. Es gibt wohl wenig, was ein Filmemacher sich mehr wünschen könnte, als mit seinem Werk in Erinnerung zu bleiben und einen Gedankenprozess anzustoßen, der womöglich zu Handlungen führt – „wie zum Beispiel der Auseinandersetzung mit der eigenen Familie,“ so Sigmund. Was auch immer als Nächstes kommt von Sigmund Steiner, wir erwarten es mit großer Spannung. Auch wenn es nochmal sieben Jahre dauern soll.

www.holzerdefleisch.com

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is