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Reinhard Haller
Befragung eines Psychiaters

Als Kind wollte er Papst werden. Dann kamen Jus und Germanistik in die engere Auswahl. „Irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nur einen Beruf gibt der das alles vereinigt – und das ist jener des Psychiaters,“ sagt Reinhard Haller, Österreichs wahrscheinlich berühmtester Psychiater und Psychotherapeut. Ein Gespräch über die Krise als Chance für den Neustart, das Kultivieren von Rauschzuständen und gute Gründe, ab sofort viel öfter wandern zu gehen.

Als Psychiater und Psychotherapeut arbeiten Sie mit Menschen in Krisensituationen. Gibt es Standard-Fragen, mit denen Sie Ihre Gespräche beginnen?

Es gibt schon ein gewisses Schema zur Erfassung von krankhaften Ausnahmezuständen, aber dabei handelt es sich um ein einfaches Fragespiel mit Fragen wie „Welches Datum haben wir heute?“ oder „Wie viel ist 2 Mal 2?“ Sonst sind die Fragen immer anders. Das Wichtigste ist aber, wie man den Menschen begegnet. Die Haltung „Ich bin der Fachmann und ich weiß alles“ bringt einen nicht weiter, denn die Menschen wissen über sich selbst viel besser Bescheid als jemand anderer. Verbrecherische Menschen sind oft auch große Psychologen. Wenn die spüren, da ist jemand, der mir etwas vorgeben will oder der mir sagt, wo’s langgeht, dann ist man auf verlorenem Boden. Deshalb ist es wichtig, die Begegnung auf Augenhöhe stattfinden zu lassen. Außerdem muss man als Therapeut darauf achten, sich nicht in die Entrücktheit hineinziehen zu lassen und an der Realität verhaftet zu bleiben. Der Therapeut ist die Brücke zum Normalen, zum Nicht-Ausnahmezustand. Als Anker zum „normalen“ Ausgangszustand kann er so eine gewisse Sicherheit und Deeskalation schaffen.

Beim FAQ Bregenzerwald ging es unter anderem um das Thema Scheitern. Wie gelingt es Menschen, mit denen Sie in Ihrer Arbeit zu tun haben, nach einer Krise wieder neu zu beginnen?

Der entscheidende Punkt ist die Einstellung. Krise kommt vom griechischen Wort Crisis, was so viel wie Weggabelung bedeutet. Es geht also nicht so weiter wie bisher, sondern in die eine oder andere Richtung. Wenn ich nur das Schlimme sehe, wird der Neustart schwierig werden. Gelingt es mir hingegen, eine positive Einstellung einzunehmen und zu sehen, dass sich in der Krise auch neue Türen öffnen, dann ist das ein guter Anfang. Außerdem glaube ich, dass es sehr wichtig ist, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Für die meisten ist der Neustart nicht möglich, weil sie immer wieder an früheren Wunden hängen bleiben. Natürlich ist es wichtig, Vergangenes in der Therapie aufzuarbeiten, aber das muss auch irgendwann ein Ende finden.

Für die meisten ist der Neustart nicht möglich, weil sie immer wieder an früheren Wunden hängen bleiben.

Wie viel Vergangenheitsbewältigung ist nötig für den Neustart?

Der entscheidende Punkt ist, dass man die Probleme, die jedem Neustart vorausgegangen sind, nicht verdrängt – sonst werden sie „dahineitern“ und Schaden anrichten. Ein schönes Bild für den Neustart ist für mich, zu sagen, dass man das Buch der Vergangenheit jetzt schließt und ins Regal stellt. Dann kann man es immer wieder holen und darin lesen, aber man lebt nicht darin. Wenn es um schwere Traumata geht oder um eine posttraumatische Belastungsstörung – ein Begriff, der heute übrigens viel zu inflationär verwendet wird – ist professionelle Hilfe absolut richtig. Und da gibt es gute Methoden, durch die man lernt, mit den Bildern so umzugehen, dass sie sich nicht mehr aufdrängen. Wobei es Menschen gibt, die so resilient sind, dass sie auch bei schwersten Traumen keine Symptome aufweisen. Das trifft in 20 bis 30 Prozent der Fälle zu.

Ein anderes Thema des FAQ Bregenzerwald war das Glück. Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „(Un)Glück der Sucht“. Was ist das für ein Glück, das in der Sucht liegt?

Das Problem der Sucht ist die Unfreiheit. Ein Rausch lässt sich heutzutage leicht herstellen und genau da liegt das Problem, denn die Gefahr ist groß, dass die Einnahme eines Rauschmittels reflexartig passiert – man will immer mehr. Dadurch ist man aber nicht mehr Herr im eigenen Haus – man ist Reagierender und kein Agierender mehr. Wenn man mit den Suchtmitteln so umgehen könnte, dass man Herr im eigenen Haus bleibt und der ist, der bestimmt, dann wären Drogen nicht so ein Problem. Ich bin kein Vertreter des Ansatzes, dass man sie verbieten und unter Strafe stellen sollte. Ich bin eher der Ansicht, dass man den Umgang mit Rauschmitteln kultivieren sollte. Denn der Rauschzustand als Zustand der Entrücktheit oder Verrücktheit ist an sich etwas sehr Schönes, vielleicht sogar Grandioses – nur halten lässt er sich nicht.

Gibt es heute mehr Süchte als früher? Oder spricht man nur mehr darüber?

Sowohl als auch. Heute ist das Angebot größer. Bis 1960 haben wir gar kein Drogengesetz gebraucht, mittlerweile sind Drogen eines der größten Wirtschaftsgüter überhaupt. Man muss sich vorstellen, dass um 1900 im Bregenzerwald noch 70 Prozent der Gasthäuser alkoholfrei waren, heute ist Alkohol für jeden erschwinglich. Außerdem sind neue Drogen dazugekommen wie medikamentöse Drogen oder auch das Internet...

Kann man eine Sucht heilen oder lernt man nur, damit umzugehen?

Wenn jemand süchtig wird, greifen die Sicherungen, die er jahrelang hatte, auf einmal nicht mehr. Jemand kann also jahrelang „normal“ Alkohol trinken und irgendwann kann er das nicht mehr. Dieser Effekt ist bis heute unbegreiflich. Daher kann man nach dem heutigen Wissensstand nur lernen, in einer suchtfreundlichen Welt abstinent zu leben. Ein Süchtiger ist somit in einer ähnlichen Situation wie ein Diabetiker: Die Zuckerkrankheit lässt sich nicht heilen, aber man kann gut damit leben. Das Schöne an der Sucht ist, dass es die fast einzige unter den schweren Erkrankungen ist, bei der der Betroffene selbst in der Hand hat, ob sie weitergeht oder nicht.

Wie kann ein süchtiger Mensch sich selbst helfen?

Was sich sehr bewährt hat in der Behandlung von Suchtkrankheiten ist Ausdauersport. Ich befasse mich sehr intensiv mit der therapeutischen Wirkung des Wanderns. Wenn es eine Tablette gäbe, die all das bewirkt, was drei Mal Wandern pro Woche bewirkt, wäre das die mit Abstand erfolgreichste Medikation, die es auf der Welt je gegeben hätte: Blutdruck- und Blutzucker-senkend, Fettstoffwechsel-anregend, stimmungsaufhellend. Es regt die Kreativität an, erzeugt Gelassenheit und ist insofern einer der besten Wege der Selbsthilfe.

Sie kommen aus dem Bregenzerwald. Hat die Region Ihren Werdegang beeinflusst?

Ich bin überzeugt davon, dass die Landschaft den Menschen prägt. Auch die Sprache hat einen großen Einfluss – und dem war ich positiv ausgesetzt. Ich stamme mütterlicherseits aus Andelsbuch und väterlicherseits aus Mellau und das ist ein gewisser Unterschied, denn in Mellau ist dieser große und mächtige Berg, die Kanisfluh, und in Andelsbuch ist es offener und freier. Was ich abgesehen von der Natur am Bregenzerwald mag, ist, dass die Wälder eine sehr kreative Gesellschaft mit einem guten Selbstwertgefühl und einem ganz natürlichen positiven Frauenbild sind – die Rolle der Frau war hier immer schon eine andere: Die emanzipatorischen Bewegungen waren gar nicht erforderlich, weil es sie immer schon gegeben hat. Das ist schon etwas Besonderes.

Ihre Gedanken zum Thema Glücklichsein?

Viele erwarten sich von Glück einen orgiastischen Zustand. Aber ein solcher ist nur auf wenige Sekunden beschränkt – den Dauerorgasmus gibt es einfach nicht. Ich glaube, dass die Erwartung an das Glück überhöht ist und dass auch Zufriedenheit eine Form des Glücks ist. Wie man das Glück ausdünnen oder summieren kann, ist ja eine alte Frage, wenn man sich denkt, dass der große Johann Wolfgang von Goethe – der einer der gescheitesten und einflussreichsten Männer seiner Zeit war – am Ende seines sehr erfüllten Lebens gesagt hat, er war in seinem Leben ein bis höchstens zwei Stunden glücklich...

Auch eine erfüllende Arbeit kann glücklich machen. Wie ist das bei Ihnen?

Der Beruf des Psychiaters ist ein unheimlich spannender Beruf, weil man den Menschen nah ist und an ihr Innerstes, ihr Eigentliches herankommt. Es ist auch ein sehr breiter Beruf, weil man automatisch mit den Sorgen und Nöten des Alltags, des Berufslebens und mit gesellschaftspolitischen, kulturellen und ideologisch-religiösen Fragen zu tun hat. Dadurch lernt man auch sehr viel. Für mich ist der Psychiater der schönste Beruf, den es gibt.

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Darko Todorovic // Friendship.is

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