Als Psychiater und Psychotherapeut arbeiten Sie mit Menschen in Krisensituationen. Gibt es Standard-Fragen, mit denen Sie Ihre Gespräche beginnen?

Es gibt schon ein gewisses Schema zur Erfassung von krankhaften Ausnahmezuständen, aber dabei handelt es sich um ein einfaches Fragespiel mit Fragen wie „Welches Datum haben wir heute?“ oder „Wie viel ist 2 Mal 2?“ Sonst sind die Fragen immer anders. Das Wichtigste ist aber, wie man den Menschen begegnet. Die Haltung „Ich bin der Fachmann und ich weiß alles“ bringt einen nicht weiter, denn die Menschen wissen über sich selbst viel besser Bescheid als jemand anderer. Verbrecherische Menschen sind oft auch große Psychologen. Wenn die spüren, da ist jemand, der mir etwas vorgeben will oder der mir sagt, wo’s langgeht, dann ist man auf verlorenem Boden. Deshalb ist es wichtig, die Begegnung auf Augenhöhe stattfinden zu lassen. Außerdem muss man als Therapeut darauf achten, sich nicht in die Entrücktheit hineinziehen zu lassen und an der Realität verhaftet zu bleiben. Der Therapeut ist die Brücke zum Normalen, zum Nicht-Ausnahmezustand. Als Anker zum „normalen“ Ausgangszustand kann er so eine gewisse Sicherheit und Deeskalation schaffen.

Beim FAQ Bregenzerwald ging es unter anderem um das Thema Scheitern. Wie gelingt es Menschen, mit denen Sie in Ihrer Arbeit zu tun haben, nach einer Krise wieder neu zu beginnen?

Der entscheidende Punkt ist die Einstellung. Krise kommt vom griechischen Wort Crisis, was so viel wie Weggabelung bedeutet. Es geht also nicht so weiter wie bisher, sondern in die eine oder andere Richtung. Wenn ich nur das Schlimme sehe, wird der Neustart schwierig werden.

Für die meisten ist der Neustart nicht möglich, weil sie immer wieder an früheren Wunden hängen bleiben.

Gelingt es mir hingegen, eine positive Einstellung einzunehmen und zu sehen, dass sich in der Krise auch neue Türen öffnen, dann ist das ein guter Anfang. Außerdem glaube ich, dass es sehr wichtig ist, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Für die meisten ist der Neustart nicht möglich, weil sie immer wieder an früheren Wunden hängen bleiben. Natürlich ist es wichtig, Vergangenes in der Therapie aufzuarbeiten, aber das muss auch irgendwann ein Ende finden.

 

Wie viel Vergangenheitsbewältigung ist nötig für den Neustart?

Der entscheidende Punkt ist, dass man die Probleme, die jedem Neustart vorausgegangen sind, nicht verdrängt – sonst werden sie „dahineitern“ und Schaden anrichten. Ein schönes Bild für den Neustart ist für mich, zu sagen, dass man das Buch der Vergangenheit jetzt schließt und ins Regal stellt. Dann kann man es immer wieder holen und darin lesen, aber man lebt nicht darin. Wenn es um schwere Traumata geht oder um eine posttraumatische Belastungsstörung – ein Begriff, der heute übrigens viel zu inflationär verwendet wird – ist professionelle Hilfe absolut richtig. Und da gibt es gute Methoden, durch die man lernt, mit den Bildern so umzugehen, dass sie sich nicht mehr aufdrängen. Wobei es Menschen gibt, die so resilient sind, dass sie auch bei schwersten Traumen keine Symptome aufweisen. Das trifft in 20 bis 30 Prozent der Fälle zu.