Martin Gruber (c) FAQ Bregenzerwald // Martin Gruber

Bin ich der Gute und der Böse?

Wenn man an die Adventszeit denkt, denkt man an gemütliche Stunden mit der Familie, Abende im Kerzenschein und die Vorfreude auf besinnliche Weihnachten. Und dazwischen hetzt man vom Glühweinstand zum Weihnachtsshopping und abends auf die nächste Weihnachtsfeier. Es ist eine Zeit der Gegensätze. Auch im Theater spielen Gegensätze eine wichtige Rolle, man denke nur an die klassische Storyline mit Held und Anti-Held. Diese interessiert Regisseur Martin Gruber vom aktionstheater ensemble allerdings herzlich wenig. Vielmehr beschäftigt ihn die Frage nach den Gegensätzen im Menschen. Darüber wollten wir mit ihm sprechen. Entstanden ist daraus ein Gespräch über politische Haltungen, die gesellschaftliche Bedeutung des Theaters und die Intelligenz des Publikums.

Martin, wenn ihr eure Stücke entwickelt, verzichtest du eigentlich immer auf eine Rollenverteilung mit dem Helden und dem Bösen, wie man sie oft in klassischen Stücken erlebt. Dennoch spielen Gegensätze auch bei euch eine wichtige Rolle.
Das ist wie mit der Elektrizität – du kannst nur über Gegensätze Energie erzeugen. Bei uns ist es der Mensch mit seinen eigenen Widersprüchlichkeiten. Jeder von uns hat wunderbare Charakterzüge und Arschlochanteile in sich. Um diese Gegensätze geht es mir. Heldengeschichten erzählen soll das Kino, die können das viel besser, dort finde ich solche Storys super. Im Theater finde ich sie wahnsinnig langweilig. Was mich interessiert, ist die Figur, die da steht in ihrer Widersprüchlichkeit und die damit etwas auslöst in der Zuschauerin oder dem Zuschauer.

Gib uns ein Beispiel.
Michi, eine unserer Schauspielerinnen, hat sich während der Flüchtlingskrise stark engagiert und Geflüchtete in ihrer Wohnung aufgenommen. Daraus haben wir „Kein Stück über Syrien“ entwickelt. Aber wir haben gesagt: Wir erzählen sicher nicht, wie gütig du bist, sondern machen dich irrsinnig unsympathisch. Daneben gab es die Susanne, die das Engagement von Michi ganz toll findet, aber selbst alle möglichen Gründe findet, warum sie nichts gemacht hat. Aber, und jetzt wird es kompliziert, uns geht es dabei nicht um die Wertung, also dass wir sagen: Die Michi war gut und die Susanneschlecht. Denn das Fiese ist: Viele werden sich denken, die Michi hat das Richtige gemacht, aber sie ist trotzdem unsympathisch.

Ihr werdet, in Anlehnung an ein Zitat von Elfriede Jelinek, als „schnelle Eingreiftruppe des Theaters“ bezeichnet. Das klingt schon ein wenig danach, als hättet ihr den großen Plan und würdet die Dinge wieder zurechtrücken.
Es ist eine Intervention. Es ist kein Eingriff im Sinne von: Wir zeigen, wie es geht. Viel eher verstören wir, denn dadurch fallen Teile auseinander und man entdeckt mitunter Wege, wie man sie für sich selber neu zusammensetzen kann.

Oder hat irgendwer auch nur ein halbes Bier weniger gesoffen, weil hier mehr Flüchtlinge leben?

Wenn ich immer mit einem starren Konzept im Kopf durch die Gegend laufe, kann ich auf nichts mehr reagieren. Beispielsweise redet man schon über die nächste Invasion von Flüchtlingen und was da passieren könnte. Man könnte dieses Denken aber auch aufbrechen und sagen: Die Flüchtlingskrise war und wir haben das eigentlich gut hingekriegt. Oder hat irgendwer auch nur ein halbes Bier weniger gesoffen, weil hier mehr Flüchtlinge leben? Dennoch fürchten wir uns schon mal prophylaktisch vor.

 

Aber auch wenn ihr nicht werten wollt, stimmst du mir schon zu, dass ihr eine politische Haltung zeigt?
Natürlich, das geht ja gar nicht anders. Ich stelle mich ja nicht ins Eck und sage: Mir ist alles egal, ich mach nur Kunst. Also ja, ich bestehe sogar darauf, dass wir Haltung zeigen. Nennen wir es eine humanistische Haltung, denn im Endeffekt geht es nur darum, dass wir alle gut miteinander leben können. Und da gibt es halt unterschiedliche Vorstellungen davon. Ich will aber keinesfalls Instant-Lösungen zeigen, denn das fände ich ziemlich arrogant. Ich halte das Publikum für intelligent und reflektiert genug, dass es seine eigenen Schlüsse zieht.

Wir sollten uns also nicht fragen: Was ist die Botschaft von diesem Stück?
Ich werde oft gefragt: „Hab ich das richtig verstanden?“ Man kann es nicht falsch verstehen – das ist das Wichtigste überhaupt.

Ich sage nicht, was richtig oder falsch ist, das wäre grauenhaft. Das macht die Politik oder der Pfarrer.

Wie gesagt: Ich sage nicht, was richtig oder falsch ist, das wäre grauenhaft. Das macht die Politik oder der Pfarrer. Die sagen dir, das ist unser Standpunkt. Uns geht es darum, was du empfindest, um deine Geschichten, die du damit assoziierst. Es geht um ein Hinterfragen, ob die Dinge denn immer so sind, wie sie scheinen.

Und das Theater kann Menschen dazu bringen, Dinge zu hinterfragen?
Es geht grundsätzlich um eine Spiegelung. Goethe hat gesagt: Der Mensch erkennt im Menschen, was er sei. Es gibt viele Dinge, die ich nicht auslebe, aber du schon, und umgekehrt. Dadurch entspannst du dich, weil du es siehst und – auch wenn du es selbst nicht auslebst – erkennst: Das Ganze ist breiter. Damit sind wir bei einem gesellschaftspolitischen Diskurs: Meines Erachtens funktioniert eine Gesellschaft dann gut, wenn sie Diversität abbildet und zulässt – beispielsweise in der Politik.

Da muss ich an die Filterblase in sozialen Netzwerken denken. Man hat nicht unbedingt das Gefühl, dass diese die Diversität fördern. Eher wird versucht, einem vorherrschenden Ideal zu folgen.
Ich denke, diese Selbstoptimierung geschieht aus einer Angst heraus – wenn ich nicht so bin wie die anderen, habe ich Angst, einsam zu werden, weil ich glaube, dass ich nicht akzeptiert werde. Was natürlich völliger Blödsinn ist, aber es fühlt sich halt so an. Man denkt, man muss einem gewissen Bild entsprechen. Und im Netz kann ich das natürlich wunderbar optimieren.

Ihr behandelt Themen wie Flüchtlingskrise, Politik, Religion – hast du manchmal das Gefühl: Oha, da bewegen wir uns jetzt auf dünnem Eis?
Jedes Mal – und das ist gut so. Unsere Art von Theater funktioniert nur, wenn es eine Gratwanderung ist. Sonst sitzt das Publikum drinnen und denkt sich: „Eh nett.“ Wenn wir nochmal das Beispiel aus „Kein Stück über Syrien“ hernehmen: Da wird gerade jene Person auf die Schaufel genommen, die – im Gegensatz zu den anderen – den Geflüchteten geholfen hat. Sie ist unsympathisch, aber sie hat geholfen. Man muss nicht zwingend nett sein, um das Richtige zu tun. Es ist ja auch so, dass sympathische Menschen ab und an das Falsche tun.

Text: Matthias Köb // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

Info: Das Interview ist im Rahmen unserer Kooperation mit dem Magazin „B’sundrig“ von Sutterlüty entstanden. Der Artikel erschien erstmalig in der „B’sundrig“-Ausgabe Dezember 2017.