Marcus Felsner

Ansichten eines Yogis

Seit fast vier Jahrzehnten praktiziert Marcus Felsner Yoga: Als der 59-jährige Tiroler die ersten Asanas, Körperübungen aus dem Yoga, kennengelernt hat, hatte Indien noch nicht 1,3 Milliarden, sondern 600.000 Einwohner. Das war 1978. Eine Zeit, in der Yoga in Europa ein großes Fremdwort war. Heute weiß zwar jeder, was es mit der fernöstlichen Praxis auf sich hat – aber nur wer es wirklich regelmäßig ausübt, spürt, was es bewirken kann, weiß Marcus Felsner.

Es heißt ja, dass der Ort beim Yoga egal sei. Immer und überall soll es möglich sein, die Übungen zu machen. Die Umgebung soll einen dabei nicht beeinflussen – schließlich geht es mehr um die Begegnung mit sich selbst als mit der Welt, mehr um den Blick nach innen als nach außen. Dennoch kann es durchaus motivierend sein, morgens im Spätsommer auf einer noch feuchten Wiese zu stehen und beim Sonnengruß den Berg vor Augen, Vogelgesang in den Ohren und taufrische Luft in der Nase zu haben. So geschehen bei den morgendlichen Aktivierungen mit Marcus Felsner beim FAQ Bregenzerwald, bei denen der drahtige 59-Jährige mit den langen Dreadlocks die Übungsfolge der jeweiligen Frage des Tages anpasste – und so für eine optimale Einstimmung auf Themen wie Glück, Mut und Kraft sorgte.

„Meine erste Yogaübung habe ich 1978 am Strand von Goa gemacht“, erzählt Marcus. Sie fällt dem damaligen Wettkampfschwimmer, der die gleichmäßige Bewegung und das tiefe Atmen gewöhnt ist, nicht schwer. Vertiefen sollte er seine Kenntnisse aber erst mal nicht – das Reisen und Unterwegs-Sein stehen für den Weltenbummler und Freigeist im Vordergrund. Nach drei Jahren Indien zieht es Marcus nach Griechenland, wo er eine Französin kennenlernt, „die mir auf der Fähre von Patras nach Brindisi den Sonnengruß beibringt.“ Der richtig große Funke sei allerdings erst übergesprungen, als Marcus auf Hawaii, seiner nächsten Station, „The complete illustrated book of Yoga“ von Swami Vishnu-Devananda in die Hände bekommt: Das, was er darin sieht und vermutet, fasziniert ihn so, dass er sich für zwei Jahre nach Oregon in ein Cottage im Wald verzieht, um sich intensiv mit der fernöstlichen Praxis auseinanderzusetzen – „so intensiv, dass ich ohne Sonnengruß nicht mehr leben konnte“, wie er es beschreibt. Nach einer kurzen Pause in seiner Tiroler Heimat geht es wieder zurück nach Indien: In einem Ashram im südindischen Kerala macht Marcus die einmonatige Ausbildung zum Yoga-Lehrer – ganz nach der Tradition von Swami Sivananda, jenem Friedensaktivisten, der Yoga als Weg zu innerem Frieden begreift, ohne den auch der äußere Frieden in der Welt nicht möglich sei. „Und langsam ging der Yoga-Boom los,“ so Marcus Felsner, der sich sein Leben auf Reisen durch Straßenmusik und den Verkauf von selbstgemachten Ocarinas, den kleinen Kugelflöten, ermöglichte.

Dass der Boom losging, konnte man auch in der Tiroler Heimat des Yogis spüren. Zurück in Telfs, wird Marcus in den 1990er-Jahren von zwei Hotels als Yogalehrer engagiert. Beim Lehren der Asanas lernt er, den gemeinsamen Nenner in heterogenen Gruppen („junge, alte, dicke, dünne, sportliche und schwerfällige Menschen – ein Mordsmischmasch in nur einer Yogastunde“) zu finden, in denen jeder Körper anders tickt. Er soll viele Jahre bleiben, das Elternhaus in Telfs übernehmen und seine Praxis immer mehr verinnerlichen. „Yoga bringt dich zu dir selbst und stellt das Gleichgewicht zwischen der weiblichen und männlichen Seite in dir wieder her“, sagt er, „aber das Wichtigste ist, dass du tief schnaufst und nicht über deine Grenzen gehst.“ Nichts zu erzwingen, immer auf seinen Körper zu hören – das falle vielen schwer. Oft stecke ein Leistungsanspruch dahinter, der mit dem ursprünglichen Yoga-Gedanken nichts zu tun habe. „Daher kann man beim Yoga auch nicht scheitern,“ so Marcus, der davon überzeugt ist, dass der Gedanke „Ich kann das nicht“ einer ist, der überwunden werden muss. „Man muss einfach dran bleiben“, sagt er, „und versuchen, locker zu sein“. Nur so könne das Gute der Welt durchkommen, denn „wenn einer ein Ang’spannter ist, dann prallt auch das Positive immer wieder an ihm ab, wie ein Tennisball von einer Mauer.“

„Wenn einer ein Ang’spannter ist, dann prallt auch das Positive immer wieder an ihm ab, wie ein Tennisball von einer Mauer…“

Abgesehen von den körperlichen Übungen und der tiefen Atmung gibt es noch ein weiteres Element, das Marcus gerne in seiner Praxis einsetzt: Musik. Die letzten zehn Minuten der Morgen-Sessions sind ganz der Entspannung in Begleitung von Melodien aus der Ocarina gewidmet, die der Yogi, der auch unheimlich gerne Gitarre spielt („Ich habe mit Bob Dylan Englisch gelernt“) um den Hals trägt. „Im Himalaya hat man manchmal aus der Ferne eine Flöte gehört. Das hat mir so gut gefallen, dass ich mir damals eine kleine Bambusflöte gekauft habe – bis mir nicht mehr die Luft weggeblieben ist und ich gelernt habe, wie’s funktioniert, hat’s drei Jahre gedauert,“ erzählt er. Wenn er heute die Flöte spielt, hat man das Gefühl, die Melodien kommen aus einer anderen Welt. Und auf eine bestimmte Art und Weise tun sie das auch: „Beim Flöte-Spielen im Wald unterhalte ich mich mit den Naturgeistern,“ so Marcus Felsner. Derzeit lebt der Weltenbummler zwischen Telfs, der Schweiz – wo seine Lebensgefährtin lebt – und fernen Ländern wie Indien, Thailand und Bali, wo er gerne den Winter verbringt. Er nimmt weltweit an Yoga-Festivals teil – von Barcelona über Genf bis Goa, „wo damals alles begann“, sagt er.

Es heißt ja, dass der Ort beim Yoga egal sei. Aber wenn man Marcus Felsner über seine Reisen erzählen hört, bekommt man den Eindruck, dass Orte doch zählen – vielleicht weniger für die Perfektionierung der Asanas als mehr für die Bildung des Charakters, dessen Horizont sich durch diese Blicke über den Tellerrand ständig erweitert. 

www.rainbowyogi.com

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

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