George Nussbaumer

Dialog im Dunkeln

Kabarettist und Sänger George Nussbaumer ist blind, seit er fünf Monate alt ist. Er kann sich nicht erinnern, jemals gesehen zu haben. Ob es hell oder dunkel ist, nimmt er nicht wahr. Zu glauben, er wäre deshalb kein geeigneter Ansprechpartner für ein Interview zum Thema „Hell & Dunkel“, ist dennoch falsch. Ein Gespräch über Selbstironie, die Bedeutung von Licht, ohne es zu sehen, und Vorurteile aufgrund von Äußerlichkeiten.

George, um ehrlich zu sein: Ich war mir nicht sicher, ob man einen blinden Menschen für ein Interview zum Thema „Hell und Dunkel“ anfragen kann.

(lacht) Also mich kannst du alles fragen. Ist doch genau mein Thema!

Du begegnest deiner Blindheit mit viel Selbstironie und Humor. War das schon immer so?

Humor ist nichts, was man sich aneignen kann. Ich finde es schön, wenn man auch über sich selbst lachen kann. Kritisch wird es, wenn andere niedergemacht oder ausgegrenzt werden. Zudem ist es mit Humor ein bisschen wie mit Essen – nicht jeder mag Sushi. Und wenn du gerade richtig voll bist, muss dir auch niemand mehr mit Essen kommen.

Beneidest du eigentlich sehende Menschen?

Um das Sehen selber kann ich euch nicht beneiden, weil ich das nicht kenne. Gleichzeitig stelle ich fest, wie wenig manche Menschen ihr Sehen benutzen. Es gibt beispielsweise viele Leute, die völlig uninteressiert an Büchern sind, obwohl sie so viel Zugriff hätten. Ich muss mir alles mühsam besorgen oder Hilfsmittel verwenden. Wenn ich am Bahnhof Aufenthalt hätte, würde ich mit Leidenschaft in einer Bahnhofsbuchhandlung schmökern. Um solche Dinge beneide ich euch schon.

Ich hatte als Kind Angst im Dunkeln, weil ich die Unsicherheit der anderen gespürt habe und mich anstecken ließ.

Um zurückzukehren zum Thema: Wie nimmst du Helligkeit bzw. Dunkelheit wahr?

Für mich selber existiert beides nicht, allerdings ist mein Zusammenleben mit sehenden Menschen davon bestimmt. Ich hatte als Kind Angst im Dunkeln, weil ich die Unsicherheit der anderen gespürt habe und mich anstecken ließ. Wenn es hell ist, sind sehende Menschen sicherer, sie sind fröhlicher, sie sind klarer – das ist auch für mich wichtig, weil ich mich auf sie verlassen kann. Und natürlich schalte ich für meine Freunde ein Licht an, wenn sie mich besuchen. Die würden im Dunkeln ja nicht mal den Lichtschalter finden.

Bist du Sehenden im Dunkeln überlegen?

Ich bin schon sicherer, vor allem in meiner gewohnten Umgebung. Aber das nützt mir ja nichts, weil niemand meine Überlegenheit sieht. Das macht dann auch keinen Spaß.

Man kann das Thema auch auf eine andere Ebene bringen: Hell und dunkel stehen ja irgendwie auch für positiv und negativ, für Gut und Böse.

Es gibt viele Menschen in unserer Gesellschaft, die in einer Art von Dunkelheit leben – in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen werden. Beispielsweise würden manche die Obdachlosen gerne in die Dunkelheit schieben, damit man sie nicht wahrnimmt. Wenn man aber beginnt, diese Menschen und ihre Probleme einfach auszublenden, ist das ganz gefährlich. Gleichzeitig kann man Menschen auch massiv ins Helle rücken, ob sie das wollen oder nicht. Beispielsweise die Flüchtlinge: Sie sind von zwei Seiten massiv beleuchtet worden. Von denen, die sich gefreut haben, dass sie helfen können und gebraucht werden, und von denen, die permanent das Gefühl hatten, man nimmt ihnen etwas weg.

Was macht er? Was denkt er? Was sagt er?

Das bringt mich auf eine weitere Ebene: die Hautfarbe. Haben blinde Menschen weniger Vorurteile, weil sie – bewusst oder unbewusst – nicht von Äußerlichkeiten beeinflusst werden?

Vorurteile aufgrund der Hautfarbe sind für mich unverständlich. Ich muss doch jemandem zuerst einmal zuhören: Was macht er? Was denkt er? Was sagt er? Das hat aber nicht viel mit meiner Blindheit zu tun, denn ich erkenne ja Akzente. Man kann einen Blinden genauso zum Rassisten erziehen. Ein Handicap macht einen nicht automatisch zu einem guten Menschen. Ich sag das jetzt ganz brutal: Jedem, der mit Menschen mit Behinderung zu tun hat, muss klar sein, dass auch ein Behinderter ein Arschloch sein kann. Deshalb finde ich es nicht gut, wenn man sagt: „Du, da musst du vorsichtig sein, der ist behindert …!“

Man sollte Menschen mit Behinderung also nicht mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen anfassen?

Es sind Menschen mit Stärken und Schwächen, wie jeder andere auch – nur dass sie sich mit ihren Problemen stärker auseinandersetzen müssen, weil sie ihnen nicht einfach aus dem Weg gehen können. Man könnte den Begriff abschaffen und die Menschen einfach so behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Respekt nennt man das. Aber irgendwie ist dieses Übervorsichtige in unseren Köpfen verankert.

Lass uns noch ein bisschen über Musik reden. Du giltst als „die schwärzeste Stimme Österreichs“. Magst du dunkle Töne lieber als helle?

Ich finde es großartig, wenn in einem Orchester alles vorhanden ist – von der Pauke über die Geige bis zum Glockenspiel. Aber es gibt -natürlich auch Bands, die sich eher im dumpfen Tonbereich bewegen, und wenn deine Stimmung nach so etwas verlangt, kommt das auch richtig gut. Nirvana zum Beispiel.

Du sagst ja, dass du dir mit deinem Beruf einen Wunschtraum erfüllt hast. Gibt es auch eine dunkle Seite in deinem Job?

Es unterliegt heute alles einer Marketingstrategie. Es reicht nicht mehr, dass du nur ein Album aufnimmst. Wenn du damit Aufmerksamkeit erregen willst, hast du zusätzlich noch enorme Marketingkosten. Gleichzeitig will der Konsument aber nichts mehr bezahlen, sondern hat ein Pauschal-Abo mit Millionen Titeln um neun Euro neunzig im Monat. Und sagt dann noch ganz stolz: „Ich zahle für meine Musik.“ Ich mache Musik, solange es geht und es irgendwen interessiert, aber das Spiel spiele ich nicht mit. (Pause) Das ist jetzt sehr kritisch und sollte keinesfalls so frustriert klingen, ich mag da nur echt nicht mitmachen.

Damit wir mit etwas Positivem aufhören: Das Motto beim FAQ Bregenzerwald lautet ja „Potenziale für eine gute Zeit“. Wo findest du diese?

Im analogen Umgang mit Menschen. Jemandem die Hand geben, sich angreifen können – das sind ganz wichtige Dinge. Analoge Interaktion ist für mich ein Wohlfühlfaktor. Das kostet natürlich mehr Mut, weil man sich hinter nichts mehr verstecken kann, aber ich glaube, genau das ist wichtig für eine gute Zeit.

Text: Matthias Köb // friendship.is
Fotos: Lukas Hämmerle

Info: Das Interview ist im Rahmen unserer Kooperation mit dem Magazin „B’sundrig“ von Sutterlüty entstanden. Der Artikel erschien erstmalig in der „B’sundrig“-Ausgabe Februar/März 2017.

 

 

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