Andrea Heistinger

Das gute Leben auf dem Land

Andrea Heistinger ist Bestsellerautorin, Agrarwissenschaftlerin, Beraterin, Mutter zweier Buben und eine der größten heimischen Vordenkerinnen im Bereich Landwirtschaft. Sie schreibt, forscht, berät, moderiert und referiert – über Themen wie den Bio-Anbau, Balkon-Gemüse oder das neue Leben am Land. Wir sprachen mit ihr über die Bedürfnisse der Bäuerinnen und Bauern von morgen, Schlachten als Kulturtechnik und warum es wichtig ist, seinen Sehnsüchten zu trauen.

Andrea, du giltst als Koryphäe auf dem Gebiet der biologischen Landwirtschaft. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Schon zu Beginn meines Studiums an der BOKU (Anm.: Universität für Bodenkultur) war für mich diese Durchindustrialisierung der Landwirtschaft spürbar und das war eine befremdende Welt – allein schon vom Vokabular her: Pflanzenproduktion, Tierproduktion. Dann hörte ich einen Vortrag eines deutschen Wissenschaftlers, bei dem es um Pflanzenernährung ging und darum, dass Pflanzen selber aktiv Nährstoffe aus dem Boden mobilisieren können. Dieser Zugang – dass Pflanzen nicht nur passive Dinge sind, die sich in ihre Bestandteile zerlegen lassen, sondern ganz im Gegenteil aktive Lebewesen – hat mich von Anfang an fasziniert. Vor allem weil es kein esoterischer Zugang war, sondern ein naturwissenschaftlicher und forschender. Das fand ich sehr spannend.

Bio-Produkte, Veganismus, Abkehr von der Massentierhaltung & Co.: Wie bewertest du die aktuellen „Trends“ hinsichtlich Einkaufen und Ernährung?

In den letzten fünf Jahren nehme ich ein viel größeres Interesse an bestimmten Themen wahr: Was essen wir? Was ist wirklich gutes Essen? Was ist eine gute Wurst? Warum sterben die Bienen? Was ist artgerechte Tierhaltung? Was ist eine würdevolle Schlachtung? Gleichzeitig herrscht aber auch eine Orientierungslosigkeit, weil viele, die diese Themen diskutieren, keinen landwirtschaftlichen Background haben. In diesen Kontexten entstehen dann teilweise schon absurde Lebensentscheidungen. Ich verstehe jeden, der sagt, ich will kein Fleisch aus Massentierhaltung mehr essen – oft ist diese Entscheidung gegen Massentierhaltung aber verbunden mit einer Entscheidung für die totale Industrialisierung. Wenn man sich die Produkte im veganen Supermarkt ansieht, dann sind das durchindustrialisierte Lebensmittel, die von weiß der Kuckuck woher kommen und mit weiß der Kuckuck welchen Methoden erzeugt werden. Und da bin ich mir nicht sicher ob alle, die sich so ernähren, das auch wirklich so wollen.

Viele wollen aber auch das „gute Fleisch vom glücklichen Weiderind“.

Ich finde es gut, dass das Ablehnen der industriellen Massentierhaltung so breit Fuß gefasst hat – ich halte es sogar für einen gesunden gesellschaftlichen Protest – aber was mir in dieser Diskussion fehlt, ist das Thema Schlachten. Zu artgerechter Tierhaltung gehört auch würdevolles Schlachten. Das Schlachten von Tieren ist eine ureigene menschliche Kulturtechnik, ein Handwerk, das erlernt werden muss. Leider wird der Tod in unserer Gesellschaft immer weggeschoben. Ich finde, dass die Menschen, die schlachten und schlachten können, viel mehr Respekt, Achtung und Wertschätzung für das, was sie tun, verdienen. Ich selber schaff’s zum Beispiel nicht.

Wird die Landwirtschaft noch mehr industrialisiert werden oder kommt es langsam zu einem Paradigmenwechsel?

Ich glaube, dass beides der Fall ist. Die Idee der Selbstversorgung von Familien, aber auch von Dörfern und Regionen gewinnt immer mehr an Boden. Andererseits werden immer mehr Melkroboter angeschafft und noch größere Ställe mit noch größeren Tierbeständen gebaut, für die noch mehr Kraftfutter zugekauft werden muss. Damit das alles möglich ist, müssen sich die Landwirte und Landwirtinnen enorm verschulden. Dessen muss ich mir bewusst sein, wenn ich diesen Schritt in die Intensivierung gehe. Denn ein größerer Druck auf die Fläche bedeutet auch immer einen größeren Druck auf die Tiere UND Menschen – und ich glaube, da müssen wir raus. Für mich ist die zentrale Frage also: Wie kommen wir da raus?

Was sind deine Ansätze?

Wenn ich weiterhin Fleisch aus artgerechter Tierhaltung beziehen können will, dann muss ich mich fragen: Wie kann ich es den Menschen, die diese Tiere halten und schlachten, ermöglichen, das auf eine Art und Weise zu tun, die vertretbar ist? Denn rein rechnerisch ist es das Blödeste, was ich tun kann, in die Landwirtschaft zu investieren. Die Investitionskosten, um einen Arbeitsplatz in der Landwirtschaft zu schaffen, betragen derzeit ungefähr 400.000 Euro – damit kann ich pro Jahr 80.000 Euro Umsatz machen. Als Vergleich: Die Investitionskosten für einen Arbeitsplatz im Naturkost-Handel betragen 45.000 Euro und bringen einen Umsatz von € 300.000.- pro Arbeitsplatz. Wir brauchen neue faire Partnerschaftsmodelle zwischen Landwirtschaft und Handel.

Wie macht man es jemandem unter diesen Umständen schmackhaft, in der Landwirtschaft zu arbeiten?

Genau das ist die Frage. Es gibt ja viele Leute, die sowohl die Leidenschaft für den Beruf haben als auch das Know-How. Ein Ansatz besteht in der Schaffung ökonomischer Netzwerke. Das heißt, dass die Menschen ihr Geld nicht auf der Bank liegen haben, sondern sich an der Gründung von landwirtschaftlichen Betrieben beteiligen. Eines der überzeugendsten Beispiele ist das Konzept der Regionalwert AG, ein Zusammenschluss von Betrieben entlang der ganzen Wertschöpfungskette – von Landbau und Tierhaltung über Verarbeitung bis zum Großhandel. Das Konzept wurde in Freiburg entwickelt und hat Nachahmer in Hamburg, München und in Köln gefunden. Die Menschen aus diesen Region besitzen jeweils Anteile an Betrieben, die in einer Aktiengesellschaft zusammengefasst sind, und ermöglichen den Betrieben dadurch die Arbeit ohne in Schulden zu versinken. Eine Gründung in Österreich steht noch aus. Was wir abgesehen von den ökonomischen Faktoren außerdem benötigen, um mehr Menschen in die Landwirtschaft zu bringen, ist unendlich viel Kreativität, Querdenken und Vernetzung. Wir brauchen Leute, die Fachwissen haben, genauso wie Leute, die keine Ahnung haben von den Zusammenhängen, denn die stellen die richtig guten Fragen.

Du befasst dich mit dem Thema „Neues Leben auf dem Land“. Was kann man darunter verstehen?

Ich bin davon überzeugt, dass die alte bäuerliche Landwirtschaft und das alte Leben am Dorf zu Ende sind. Früher konnten sich die Menschen mit Wohnraum, Nahrung usw. selbst versorgen, aber das ist de facto nicht mehr der Fall. Die Bilder, die wir von dieser bäuerlichen Welt haben, sind in erster Linie Scheinbilder oder Kulissen. Und hinter diesen Kulissen spielt sich alles Mögliche ab, nur nicht das, was nach außen vorgespielt wird, wie zum Beispiel das glückliche Huhn im Nest auf der Eierverpackung. Neues Leben am Land heißt für mich, anzuerkennen, dass es das Alte in dieser Form nicht mehr gibt – und das hat auch sein Gutes, denn es handelte sich meistens um patriarchalische Systeme, die mit einer unheimlichen Enge und sozialen Kontrolle verbunden waren, Stichwort: Stadtluft macht frei. Früher war es also nicht besser, aber es war überschaubarer. Und für mich besteht jetzt die Herausforderung darin, das Leben in der Landwirtschaft wieder überschaubarer zu machen.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der in der Landwirtschaft arbeiten will?

Eine Aufmunterung, die ich „Traue deinen Sehnsüchten“ nennen würde. Mir kommt vor, dass momentan viele Menschen eine Sehnsucht nach dem „Echten“ haben, danach, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Ich finde es wichtig, diesen Sehsüchten über den Weg zu trauen und zu schauen, was dahinter steckt und sich zu fragen: Was will ich wirklich? Und ich bin überzeugt davon, dass dieser Wunsch, wieder Boden unter den Füßen zu spüren, die Menschen auch wieder neu zusammenbringen wird. 

Text: Martha Miklin // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

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